(Claudia Rusch) Kaukasusblog IX: RUSSGEORGARMEDSCHANISCH

Zwei Fragen werden mir von zu Hause am häufigsten gestellt. Erster Platz: Was sprechen die Leute dort für eine Sprache? / Reden die Russisch oder Kaukasisch? / Wie unterhältst du dich da?

Selbst meine vorbereiteten Eltern waren nicht ganz sicher, ob die Region nicht „doch mal zu Russland“ gehörte und eine waschechte Ostberliner Freundin hat sich gar stoisch geweigert anzuerkennen, dass Sowjetrepublik nicht Russland bedeutet (außer natürlich im Fall der RSFSR).

Folgende Diskussion:

Wohin inne Russerei fliegste nochma?
Nach Georgien, das liegt im Kaukasus. Ist nicht russisch.
Aha. Jehörte aba zur SU, oda nich?
Ja, ja.
Also doch Russland.
Nein, erst Zarenreich, dann Sowjetunion, aber immer Georgien.
Sa‘ ick doch: Russland!

Tatsächlich haben die Russen über die Jahrhunderte ihrer Vorherrschaft überraschend wenig offensichtliche Spuren hinterlassen. Soweit ich das auf den ersten Blick erkennen kann, eigentlich nur Wodka und Marschrutkas (eine Art gelbe, sowjetische Sammeltaxis, die hier alle Straßen verstopfen). Die Eigenständigkeit und kulturelle Identität der Kaukasusbewohner wurde stets gepflegt. Kein Wunder bei Völkern, deren Spuren lässig bis in die Antike zurückführen…
So ist auch das mit den Sprachen hier von Alters her seit Jahrtausenden übersichtlich geregelt: die Armenier sprechen Armenisch, die Georgier sprechen Georgisch und die Aserbaidschaner (auch Aseri genannt) sprechen? Richtig: Aserbaidschanisch (ebenfalls Aseri genannt).
Keine dieser Sprachen ist mit der anderen verwandt, ähnelt ihr oder gehört auch nur zur selben Familie.

Aserbaidschanisch ist eine Turksprache und so nah am modernen Türkei-Türkisch, dass man meist ohne Übersetzer auskommt.
Armenisch ist dagegen eine indoeuropäische Sprache und gehört damit zum selben Großclan wie die meisten europäischen Sprachen. Es hat sehr entfernt Ähnlichkeit mit dem Griechischen. Etwa so viel wie Deutsch mit Keltisch…
Georgisch wiederum ist eine kartwelische Sprache und kennt keinerlei Verwandte, auch nicht im Kaukasus. Es klingt wie eine Mischung aus Arabisch und Italienisch – mit bemerkenswerter Konsonantenhäufung. Der Berg, auf dessen halber Höhe ich grade sitze, trägt zum Beispiel den schönen Namen Mtazminda, der Fluß durch Tbilissi (Tb!) heißt Mtkwari und die Nachbarstadt Mzcheta. Der Lieblingssnack der Georgier ist Tschurtschchela (Nüsse in Weingelee). Ja genau: mit einem ch (wie in Bach) nach einem rtsch (wie in Wirtschaft). Und immer schön aufpassen, dass es am Ende nicht einfach schlampig nach Ritschratsch klingt!

Alle drei Länder schreiben ein anderes Alphabet.
Armenisch: Հայոց այբուբեն
Georgisch: ქართული ანბანი
Aserbaidschanisch: Türk alfabesi

Ich spreche oder lese nichts davon (außer den lateinischen Buchstaben natürlich). Für mich sieht das alles aus wie Blümchen (Georgien საქართველო), lustige Häkchen (Armenien Հայաստան) oder Kreuzberg (Aserbaidschan Azərbaycan).
Verständigen kann ich mich aber trotzdem tadellos. Da Länder kleiner Sprachen (also mit vergleichsweise wenig Sprechern) im Fremdsprachenlernen immer vorne weg sind, können hier wirklich wahnsinnig viele Menschen Deutsch oder Englisch. Und sowieso beherrschen alle über 45 noch aus ihrer Jugend in der Sowjetzeit (meist fließend) Russisch. Letzteres hat mich schon öfter gerettet beim Kommunizieren mit Taxifahrern, Friseurinnen und Zigarettenverkäufern. Jeht allet supa. ВСЁ ХОРОШО.

P.S. Nein, Anna, es ist trotzdem nicht Russland! 😉

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