(Claudia Rusch) Kaukasusblog V: Tbilissi!

Spätestens seit 2009 leide ich an der, wie Olga Grjasnowa es in Die juristische Unschärfe einer Ehe nennt „russischen Krankheit“. Das heißt, ich bin bis über beide Ohren in Georgien verknallt. Ein Traumland, dessen Besitz die Georgier so erklären: Als Gott die Welt unter den Völkern aufteilte, waren die Georgier nicht dabei. Sie kamen zu spät – denn sie hatten mal wieder zu lange gefeiert. Und so standen sie nun, als alles bereits vergeben war, schuldbewusst vor Gott und klimperten mit ihren langen schwarzen Wimpern. Und wo sollen wir jetzt hin? Gott entschied (was sollte er auch anderes tun) den Georgiern dann eben das allerletzte Stück Land zuzusprechen, das noch zu haben war. Nämlich den ganz besonders schönen Flecken Erde, den der Allmächtige eigentlich für sich selbst reserviert hatte…  😉

Diese Geschichte strotzt von Bescheidenheit (und Witz). Doch so ganz grundlos halten die Georgier ihr Land nicht für Gottes Lieblingsgarten. Georgien ist tatsächlich wunderschön, fruchtbar, voller Freuden für die Sinne, fröhlich, üppig und gastfreundlich. Georgisches Essen, georgische Natur, georgische Schwarzmeerküste, georgischer Wein und natürlich die großzügigen, warmherzigen, klugen, witzigen, temperamentvollen Georgier – ich könnte stundenlang schwärmen. Ganz ehrlich, auf dem Auge bin ich völlig blind. Warum auch nicht. Das Leben ist so schon unromantisch genug…

So hab ich mich natürlich bei dieser Reise vor allem auf Tbilissi gefreut. Die Stadt schien mir stets ganz nah – und dann komm ich zurück und erkenne so gut wie nichts wieder. Die Bäder Abanotubanis konnte ich mit viel gutem Willen an ihren lustigen Kuppeln von oben identifizieren. Aber sonst… Ich erkenne den Stil der alten georgischen Stadthäuser wieder, die schmalen Straßen der Altstadt, die Holzbalkone, die wuchernden Bäume, Gesichter, Nasen, Blicke. Trotzdem scheint es mir, als sei ich nie hier gewesen – und auch nie weg. Eine eigenartige Vertrautheit, die ich nicht beweisen kann.  Ich erkenne eher atmosphärisch wieder, nicht konkret.

Natürlich hat sich Tbilissi objektiv verändert in den vergangenen 7 Jahren, es ist viel schicker und neuer geworden (was man von mir nun beides nicht grade sagen kann). Aber darum geht es gar nicht. Schwerer wiegt, dass die Erinnerung eine Katze ist: unabhängig, unbestechlich, ungehorsam. Wir spielen unser Leben lang Ich-sehe-was-was-Du-nicht-siehst. Aber mit zunehmenden Alter spielen wir es auch gegen uns selbst.

Ich glaube, das ist sehr gut so. Der an das derzeitige Selbst gebundene, selektive Blick ist ein Geschenk: wäre es anders würden wir immer wieder dasselbe erleben, nie etwas Neues sehen und stets dieselbe Geschichte in unserem Lieblingsbuch lesen. So bleibt das Leben wenigstens etwas überraschend und unberechenbar.

Wahrscheinlich hab ich damals in Tbilissi auch etwas anderes gesucht als heute. Ich erinnere mich nur nicht genau, was es war. geschweige denn, ob ich es gefunden habe. Das ist auch eine Wahrheit des Lebens.

Und nicht die schlechteste.

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