(Claudia Rusch) Kaukasusblog IV: 1985 – 2009 – 2016

Als ich 2009 in Tbilissi war, begrüßte mich wirklich ALLE mit: „Sie sind das erste Mal in Georgien?“ Mehr vorausgesetzte Antwort als echte Frage.

Daraufhin ich jedes Mal wahrheitsgemäß: „Nein! Ich war 1985 schon mal hier!“

Verblüffte Gesichter: „Ach was?!?“

Das war so. Zur Jugendweihe (anläßlich derer die jungen Leute traditionell ein sehr großes Geschenk erhielten – nicht nur hierin ähnelte die Veranstaltung der Konfirmation oder Firmung), wollten in meiner Generation alle einen (im Osten eigentlich unbezahlbaren) Kassettenrekorder. Zum Aufnehmen von Westmusik im Radio natürlich. Das war Mitte der 80er für Teenager überlebenswichtig.

Aber meine Großmutter, die ich sehr geliebt habe (und die auf die eine oder andere Weise in fast allen meinen längeren Texten auftaucht, das Rügenbuch ist ihr ganz gewidmet), nahm mich damals zur Seite und sagte: “Jungfer!“, sie war Schlesierin und nannte mich ihr Leben lang so: „Jungfer, ich weiß, Du willst so ein Kassettendings, aber Du bekommst keins von mir. Ich schenke Dir eine Reise. Wir beide fahren zusammen in den Kaukasus. Denn den Rekorder schmeißt Du in zwei Jahren in die Ecke – aber diese Reise, die wirst Du nie vergessen. Und Du wirst dabei immer auch an mich denken“.

Sie war eine weise Frau. Um die teure Intourist-Reise zu finanzieren, hat sie ein halbes Jahr länger gearbeitet und ihre Rente, mithin ihre lang ersehnte Reisefreiheit, für mich um ein paar Monate verschoben. Dieser Preis ist in Geld kaum aufzuwiegen.

Fast 3 Wochen waren wir damals im Kaukasus. Wir flogen zuerst nach Moskau und von dort weiter nach Jerewan, haben auf dem Landweg den Kleinen Kaukasus überquert, am Sewansee vorbei nach Tbilissi und sind von dort dann nach Baku ans Kaspische Meer geflogen.
Und EXAKT diese Reise wiederhole ich gerade. 31 Jahre später. In derselben Reihenfolge, mit denselben Verkehrsmitteln.

Meine Großmutter kann sich darüber nicht mehr freuen. Der Tag, an dem wir (nicht wie damals im Ikarus-Reisebus, sondern bequem chauffiert im Luxuswagen) über die Seidenstraße nach Tbilissi fuhren, war ihr 10. Todestag. Doch einen besseren Ort hätte es an diesem 02. Oktober für mich nicht geben können. Seit ich hier bin vergeht kein Tag hier, an dem ich nicht an meine Großmutter denke.

Ich weiß nicht, welche Kriterien für das Goethe-Institut bei der Auswahl zum „Literarische Leuchttürme“- Projekt ausschlaggebend waren (und warum ausgerechnet ich die ALLERBESTE Region abbekommen habe, Danke noch mal dafür!!!) – aber ich weiß eins:  man hätte vielleicht jemanden finden können, der blumiger schreibt als ich, man hätte auf jeden Fall Kollegen finden können, die berühmter sind als ich – aber man hätte keinen deutschen Schriftsteller gefunden, den diese Reise nach Armenien, Georgien und Aserbaidschan 2016 tiefer berührt als mich.

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