(Claudia Rusch) Kaukasusblog III: Noin, isch vergas nischts davon!

Und schon wieder holt mich in Armenien die Vergangenheit ein. Gleich zweimal an diesem Tag. Das erste Mal erklär ich später, das zweite Mal war dieses hier.

Wie heißt der berühmteste lebende Armenier, der Stolz seiner Landsleute? Logo: Charles Aznavour. Geboren vor sagenhaften 92 Jahren in Paris als Schahnur Waghinak Asnawurjan. Geht nach wie vor auf Tour. Zuletzt 2015. Der Mann ist eine Legende. Nicht nur für Armenier (und Franzosen). Auch in meinem Leben spielte Charles Aznavour eine kleine, aber durchaus nicht unbedeutende Rolle.

In der DDR gab es eine überschaubare Anzahl von Platten-Lizenz-Käufen aus dem Westen. Hatte man eine ergattert, wurde sie gepflegt, an Freunde verliehen, auf Tonbänder überspielt oder auf ORWO-Kassetten, die bei jedem Hören ein wenig mehr herumschrammelten.

Unter den Auserwählten war auch Charles Aznavour. Und zwar mit einer LP seiner größten Hits auf Deutsch (das er keineswegs spricht, sondern für die Aufnahmen vom Blatt abgelesen hat). Ebenjene Platte, die ich in meiner Jugend hoch und runter hörte, führte nun dazu, dass ich meine (westdeutschen) Freunde in Jerewan doch erheblich überraschte als ich plötzlich anfing, laut und in unserer Muttersprache mitzusingen. Und zwar nicht improvosiert, sondern schön in Reimen… Sie kannten Aznavour zwar sehr gut, aber nur auf Französisch (die deutsche Platte lief im Westen offenbar nicht ganz so wie im Osten). Ich dagegen hatte Aznavour bis zur Wende nie auf Französisch gehört. Und weil das so war, schiebt sich in meinem Kopf bis heute der jeweils deutsche Text beharrlich vor das französische Original.

Ich hatte schon bei La Bohème ganz feuchte Augen. Es war damals eines meiner Lieblingslieder. Vermutlich, weil es wirklich alle Paris-Klischees bedient, die im Kopf eines eingesperrten Ost-Teenagers mit Frankreichspleen so herumtollen: Montmartre, Maler, Bars, Milchkaffee, Freiheit, Flieder und natürlich tonnenweise kitschquietschende Romantik. Was hab ich dieses Lied geliebt! Mein Puls schlug schneller und meine Phantasie nahm Anlauf… Denn natürlich war ich damals überzeugt, dass das richtige Leben genauso so sein muss.

Und als dann auch noch Non, je n’ai rien oublié folgte, eine wunderbar sentimentale Hymne auf die ganz, ganz, ganz, GANZGANZ große (und selbstverständlich unglückliche) Liebe, stand ich, plötzlich 15jährig und vor Rührung ganz matsch, am Sofa und sang beseelt mit: „Noin, isch vergas nischts davon! Isch stölle läschölnd fest: du siehst wie damals aus, nischt die Spür einer Spür der vörgangenön Ja‘rre, du trägst woll nur ötwas anders die ‘arre. Noin, isch vergaß nischts von dir…“

Ohhh, wie schön, wie traurig – wie Aznavour!

Damals in Ostberlin hat er mich von einer Zukunft träumen lassen, von dem, was vielleicht kommen würde und dann wirklich kam: Frankreich und die Freiheit. Heute in Jerewan erinnerte er mich an das Mädchen voller Wünsche, das ich einst war. Und gemeinsam mit meinen Jerewaner Freunden erinnerte uns Aznavour daran, wie seltsam und quer und eigensinnig doch die Fäden im Leben manchmal gewoben sind… Und wie schön und bunt das Muster ist, das dabei entsteht.

Darauf einen Армянский коньяк. Up dat et uns wohl goh up unsre ohlen Dage!

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