(Dagmar Leupold) Erste Woche: Petersburg-Moskau-Petersburg

Nun bin ich Resident. In meinem Kopf spukt es wie nach einem gewaltigen Jet lag – auf den ich mich, mit nur einer Stunde Zeitverschiebung, kaum herausreden kann. Resident. Also wohnhaft anwesend. Ein p weniger als Präsident. Der wird mir, am ersten Tage in der Eremitage in Gestalt eines Hundes flüsternd und hinterm Glas einer Vitrine sicher verwahrt, gezeigt, frappante Ähnlichkeit. Es muss sich herum gesprochen haben, denn davor ballen sich die chinesischen, europäischen und iranischen Touristen mit gezückten Handys. Resident. Mit Dissident trotz identischer Endsilbe nicht verwandt. So wenig wie Blog mit Blockade zu tun hat. Und das Palmyra des Nordens, wie St. Petersburg im 19. und 20. Jahrhundert hartnäckig genannt wurde nichts mehr mit dem des Südens. Bleiben noch die Möglichkeiten der Annäherung über „Florenz des Nordens“ oder „Venedig des Ostens“. Am Dienstag, meinem dritten Tag, weht ein frischer Wind von der Neva und dem Meer her und räumt auf in meinem Kopf: Ich bin in St. Petersburg, beim Ehernen Reiter und dem Winterpalais, den dostojewskigelben Hinterhöfen und den puschkingelben Prachtfassaden, in der Hauptstadt des Granits und der bonbonfarbenen Anstriche: türkis, mint, azur. Ich beschließe den Wasseradern zu folgen und, siehe da, die Vergleiche verblassen noch mehr und die Topographie wird im wahrsten Sinn des Wortes einleuchtend. Und meine Bewegungen mit denen ich das Code-versiegelte eiserne Tor zum ersten Innenhof „meines“ Hauses entsperre, geschmeidiger, ich gehe einkaufen und Kaffee trinken und wunderbares Konfekt essen und bin da. Nehme mir vor, die Zaren-Stammbäume zu erkunden, während ich in der Smolny-Kirche wahrlich himmlischen Klängen lausche, die im menschenleeren Raum einem unsichtbaren Chor entspringen (hinter dem Vorhang, hinter dem Altar) und ins große Rund der Kuppel streben.

Als ich am vierten Tag vom Moskauer Bahnhof aus nach Moskau aufbreche, in aller Frühe, der Nevskij-Prospekt leer gefegt und frisch geduscht (wir überholen den Reinigungslaster der Stadtwerke), da liegt mitten auf der Busspur ein regloser Mann. Das Bild brennt sich mir ein und bleibt – für die gesamten Moskauer Tage. Im Seitenspiegel sahen wir, dass der Busfahrer hielt und den Bewußtlosen auf den Bürgersteig bettet.

Moskau, die großspurige, die Autos noch etwas größer und noch etwas schneller unterwegs als in St. Petersburg, bewegende Begegnungen mit Germanisten, Sprachlehrerinnen, Verleger und Lektor des TEXT-Verlags, alle höchst engagiert und trotz selbstausbeuterischer Arbeitsbedingungen ihrer Sache sicher. Toll. Der zweite vorgesehene Messebesuch wird geschwänzt, stattdessen Besuch des Friedhofs der Jungfrauen, mit gruseligen Monumenten der Sowjetzeit einerseits – aus Granit und Marmor gehauene, mindestens mannshohe Büsten verdienter Militärs und Staatsdiener, oft mit ordensgeschmückter Brust – und, andererseits, im älteren, parkähnlicheren Teil die Grabstellen von Majakovskij und Tschechow, von Bulgakov und Gogol. Ich erhole mich ihn ihrer Nähe.

Die erste Woche ist um; die zweite beginnt mit einem wundervollen Rundgang durch das sogenannte Puschkinhaus, dem Literaturinstitut auf der Wassilijevskij-Insel (wo der Wind einen schier wegpustet, das Meer ist spürbar näher als auf der Petersburger Seite) gleich neben der Akademie der Künste. Erste Piroggen- und Pelmenimahlzeit bei Stolle, einer Kette, die sich im gesamten Stadtgebiet ausgebreitet hat und doch sehr gute Qualität bietet, voller Magen, schöne Erdung.

Als ich am Neva-Quai auf den Trolley-Bus warte, kreist ein Hubschrauber über unseren Köpfen. Meine – an Wissen unerschöpfliche – Begleiterin, die mir gerade die Geschichte von der Auswanderung Chamissos erzählt hatte, der es nicht über das Herz bringt ein als Proviant für die lange Schiffsreise mitgeführtes Ferkel zu schlachten und dann, kaum in Amerika gelandet, mitansehen muss, wie dieses über die Reling versucht aufs Festland zu entkommen und erschossen wird -, meine Begleiterin also erklärt mir, dass der Hubschrauber die Verfassungsrichter einfliegt, die neuerdings in St. Petersburg tagen und auf einem eigenen Ponton auf dem Fluss abgesetzt werden. Ach so.

Morgen: Ab nach Karelien!

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