(Martin Schäuble) Bücherwelten …

… und unser Wettbewerb

Irina liest, wie sie uns schreibt, weil ein Roman auch ein Lebensratgeber sein kann. „Bücher sind Türen zu anderen Welten und anderen Realitäten“, teilte uns hingegen Katharina mit. Nachdem wir uns wochenlang mit Autoren und Büchern auseinandergesetzt haben, stellten wir den Blog-Leserinnen und -Lesern endlich die Frage aller Fragen: Warum lesen Sie Romane? Und Katharinas Kommentar steht für viele Einsendungen.

Wenn Romane eine Tür zu anderen Welten und Realitäten sind, so fragen manche: Ist diese Tür ein Notausgang? Ist es „eine Flucht oder eine Suche nach anderen Bezügen zur Realität“, wie es Viktoria aus Moskau formuliert? Oder ist ein Roman gar eine „alternative Realität“? Oder, wie es eine andere Teilnehmerin schreibt, Valeria: „Unser ganzes Leben ist unser eigener kleiner Roman.“

Eine Teilnehmerin las zuletzt Uwe Timms Johannisnacht, und ihre Zeilen erklären auch, was einen guten Roman ausmachen kann. „Die Personen, die sehr ausführlich beschrieben sind, schweben mir gleich vor den Augen. Du weißt nicht nur wie sie aussehen, sondern auch wie sie riechen, wie sie atmen!“

Olga aus Moskau sagt das etwas allgemeiner. Sie liest auch, weil sie für „kurze Zeit eine ganz andere Person“ werden kann. „Heute bin Scarlett O’Hara und flirte mit Rhett Butler, morgen kann ich Anna Karenina sein oder Jane Eyre oder irgendjemand sonst.“ Und ein Vorteil dieses Rollentausches: „Man kann von fremden Fehlern lernen und von Fehlern, die deine Lieblingshelden begehen…“ Und manche, wie Daria, die Texte aus der Romantik sehr mag, die gehen einen Kompromiss ein. Wenn man auch nicht selbst zum Helden wird, so kann man „mit den Helden etwas erleben“.

Bei Nadezhda aus Krasnodar hat dieser Rollentausch schon früh begonnen. Sie erinnert sich in ihrem Kommentar an „dicke Bücher, denen das Dicksein sehr gut steht“. Schon ihre Oma las ihr aus solchen Büchern vor und musste beim Vorlesen manchmal geweckt werden.

Das bringt mich zu einem Grund, Romane zu lesen, der von niemandem genannt wurde. Ich kann mit Romanen auch wundervoll einschlafen. Das muss kein schlechtes Buch sein deswegen, doch Literatur hilft mir, Abstand vom Tag, von eigenen Erlebnissen zu gewinnen.

Das Foto dieses Blog-Eintrages zeigt daher Tatiana, meine Übersetzerin. Wir fahren nach dem Besuch des Literaturfestivals von Tambow zurück nach Moskau mit dem Nachtzug. Wir sind die einzigen im Viererabteil und so liest sie mir aus einem Buch vor, das sie vielleicht bald übersetzen muss.

Überhaupt ist Vorlesen eine tolle Sache, auch für Erwachsene. Oder wie es Katharina schreibt: „Viele Erwachsene vergessen, dass sie selbst mal Kinder waren.“ Stimmt. Und es könnte ergänzt werden: Manche gute Romane erinnern einen daran.

Dieser Beitrag auf Russisch >>

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4 Gedanken zu “(Martin Schäuble) Bücherwelten …

  1. Lisa schreibt:

    Guten Abend, Martin! Ich habe mich lange gezögert Ihnen zu schreiben. Heute war ich im Goethe-institut, eine Stunde später, als Sie dort waren. Ich habe das Buch von Ihnen als Preis schon bekommen und werde es mit großem Spaß lesen!
    Ich möchte ein bisschen über mich erzählen, weil es mit meiner Frage verbunden ist. Ich studiere an der Fakultät für Fremdsprachen und seit ein paar Jahren versuche ich etwas auf deutsch zu schreiben. In erster Linie geht es um Märchen und Essai.
    Von Kindheit an (als ich etwa 10 war) träume ich vom Schreiben auf russisch mindestens einer Erzählung oder sogar eines Romans. Jedes Mal, wenn ich so etwas zu schreiben beginne, finde ich geschriebene Sätze voll uninteressant. Ich kann über das Leben von anderen Menschen kaum schreiben. Die Worte scheinen nicht echt zu sein.Ich verstehe, dass ich noch nicht so große Lebenserfahrung habe, aber ich denke, dass das Problem noch in etwas Anderes liegt.
    Wie glauben Sie, was das Wichtigste bei der Beschreibung des Lebens ist? Wie kann man die Helden auf den Seiten lebendig machen, innere Welt von ihnen wahr zeigen?
    Viele Grüße
    Eine Teilnehmerin, die zuletzt „Johannisnacht“ las.

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    • Martin Schäuble schreibt:

      Hallo Lisa!
      Zurück in Deutschland, will ich Deine Frage endlich beantworten. Die Antwort liegt bereits in Deiner Frage, Du ahnst es. Über andere schreiben ist immer sehr schwer, wenn man keinen eigenen Bezug zur Lebenswelt dieser Menschen hat. Daher das Schreiben über sich selbst und die eigenen Erfahrungen als Ausgangspunkt. Lebenserfahrung hast Du sicher genug, bestimmt hast Du Dinge erlebt in der Kindheit und Jugend, die wichtig für Dich waren. Man denkt oft, das eigene Leben ist nicht so spannend für andere… Doch das ist ein Irrtum. Natürlich musst Du bereit sein, Dein Privatleben mit anderen zu teilen. Stelle Dir vor, Du erzählst etwas Deiner besten Freundin. Und in der Tat könnte Sie auch Deine Testleserin sein. Eine richtige Freundin zeichnet sich ja auch dadurch aus, ehrlich zu sein.
      Liebe Grüße
      Martin

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      • Lisa schreibt:

        Vielen Dank für Ihre Antwort! Sie haben mir Hoffnug eingeflößt.
        Die Möglichkeit dem Schriftsteller zu schreiben, dessen Buch ich las und gerade zu Ende gelesen habe, macht mich unglaublich glücklich. Am Anfang wirkte das Buch „Black Box Dschihad“ auf mich ein bisschen seltsam (hoffentlich irre ich mich im Wortwahl nicht). Es war leicht das zu lesen. Vielleicht war es so wegen der Übersetzung. Ich weiß nicht, ob es geplannt war oder nicht, aber allmählich merkte ich, dass der Text schwieriger wurde. Diese Änderung, die die Spannung produzierte, gefiel mir. Je näher das Ende war, desto schneller las ich. Ich hatte Mitleid mit beiden Helden. Aber die Geschichte von Sa’ed rührte mich im Laufe des ganzen Buches besonders stark. Die letzten Seiten, die ihm gewidmet sind, halte ich für die besten.
        Die Liste, wo Sie sich bei ihren Kollegen so herzlich bedanken, ist für mich auch ein sehr wichtiger Teil des Buches. Diese Liste zeigt nicht nur, wie gründlich Sie beim Schreiben sind, sondern auch wie Sie als Mensch sind. Wie Sie gut sind.
        Als ich am Wettbewerb teilnahm, konnte ich mir es nicht vorstellen, wie viel Freude er mir bringt. Ich danke Ihnen vom ganzem Herzen und hoffe (die eingeflößte Hoffnung arbeitet schon in aller Richtungen), dass ich nicht zudringlich war.

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  2. Martin Schäuble schreibt:

    Danke für Ihre ehrlichen Zeilen und die Einschätzungen. Nun drücke ich Ihnen die Daumen für das eigene Buch, auch ich muss jetzt wieder zurück an den „Schreibtisch“. Herzliche Grüße
    Martin Schäuble / Robert M. Sonntag

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