30-09-2016

(Gregor Sander) Freitag, 30.9.16

Du musst dir noch die Hipsterstraße angucken, haben mir die Belarussen empfohlen, da sehe es ein bisschen aus wie in Berlin. Also gehe ich in die Straße des Oktobers in einem Industriegebiet hinter dem Hauptbahnhof und bin tatsächlich erstaunt, über die staatlich geduldeten und geförderten großen Graffiti an alten Fabrikgebäuden. Harmlose Katzen, Blumen und Mädchen mit wallenden Haaren. Aber in der Fabrik wird offensichtlich auch noch produziert und so gibt es einen Schaukasten mit den Fotos der Mitarbeiter des Monats, vor einer Leninskulptur, vor einem großen Graffito. Eine bizarre Mischung der Zeiten und Stile. Die Cafés in der Straße, wie das „Depot“, erinnern tatsächlich an Berlin, auch was die Preise angeht. Gepflegter, ruppiger Charme mit Tischen auf der Straße. Weiterlesen

29-09-2016

(Gregor Sander) Donnerstag, 29.9.16

Ich lese gemeinsam mit Alhierd im unabhängigen Buchladen von Minsk im Kulturzentrum „Kurzes U“. Benannt nach einem Buchstaben, den es nur in der belarussischen Sprache gibt. Alle sprechen in diesem Land Russisch, aber viele auch noch Belarussisch. Ihar Lohwinau, der den Buchladen betreibt, führt auch noch einen Verlag in einem winzigen fensterlosen Hinterzimmer des Geschäfts. Seine Lizenz hat der Verlag in Litauen bekommen und hier erscheinen zum Beispiel die Bücher von Swetlana Alexijewitsch auf Belarussisch, die es bisher nur auf Russisch in Minsk zu lesen gab. Weiterlesen

28-09-2016

(Gregor Sander) Mittwoch, 28.9.16

Alhierd Bacharewitsch und Yulia Tsimafeeva zeigen mir das literarische Minsk. Aber schon auf dem Weg zur belarussischen Sektion des internationalen PEN-Clubs, deren stellvertretende Vorsitzende Yulia ist, beschließen wir uns lieber anzusehen, was uns am Wegrand auffällt. Und da sind gleich in der Nähe des Goethe-Instituts die fünf Hochhäuser, die aussehen wie Maiskolben und von der Bevölkerung auch genauso genannt werden. Alhierd und Yulia arbeiten als Autoren und Übersetzer und zeigen mir Minsk mit jener großen Freundlichkeit, die mir hier überall begegnet. Offenheit, Freundlichkeit, Höflichkeit. Wir gehen in einen Fischladen noch aus der Sowjetzeit, der innen mit handtellergroßen silbernen Scheiben ausgekleidet ist, wie ein Ballkleid. Weiterlesen

27-09-2016

(Gregor Sander) Dienstag, 27.9.16

Um neun Uhr werde ich durch die Festung Brest geführt. Der Morgen ist kalt und grau. Über dem backsteinernen Eingang liegt ein riesiger Betonriegel, in den ein Sowjetstern gehauen wurde. Erdrückend groß. Am Morgen des 22. Juni 1941 wurde die Festung von den Deutschen angegriffen. Mit dem Ziel, sie bis zum Mittag einzunehmen. Aber es wird Wochen dauern, bis sich die letzten Rotarmisten ergeben. Die Deutschen belagern die alte Festung und drinnen gibt es bald so gut wie kein Wasser mehr. Tausende Menschen sind hier eingeschlossen, Männer, Frauen, Kinder, dem Verdursten nah. Kaum jemand hat das überlebt. Aber vom Leid ist in der heutigen Anlage nichts zu sehen. Nur der Mut, der Wille, der Kampf. Weiterlesen

26-09-2016

(Gregor Sander) Montag, 26.9.16

Von Minsk habe ich am Morgen ein bisschen gesehen. Viel monumentale Stalinzeitarchitektur, der extrem breite Unabhängigkeitsprospekt, dann wieder Plattenbauten, die aber selten in so Schuhschachtelform sind wie bei uns, sondern gern auch rund, gedankenlose Investorenarchitektur aus den Neunzigern. Alles sehr gepflegt, die Stadt ist so sauber, dass es schon fast unheimlich ist. Die Herbstblätter scheinen sich auf dem Weg zum Boden aufzulösen. Niemand wirft hier eine Zigarette auf den Boden. Die Innenstadtminsker würden in keiner Großstadt der Welt auffallen. Viel schwarze, graue, beige Kleidung. Eher elegant, als ausgeflippt. Weiterlesen

25-09-2016

(Gregor Sander) Sonntag, 25.9.16

Weißrussland? Da ist doch noch richtig Diktatur! So oder so ähnlich hat jeder reagiert, dem ich von meiner Reise erzählt habe. Mehr kam nicht. Keine Tipps, keine Wünsche. Nichts. Und wie habe ich mir Weißrussland vorgestellt? Eigentlich gar nicht. Kaum ein Bild. Bisschen Russland, bisschen Polen. Beides vor zwanzig Jahren. Vielleicht sogar so wie diese Bahnhofsunterführung, in der ich jetzt nach meinem Gleis suche. Es ist dunkel, dreckig und es riecht nicht gut. Der Bildschirm, auf dem die Abfahrtszeiten und die Gleise stehen, blinkt nervös und die Uhrzeit ist eine Stunde vorgestellt. Warum auch immer. Weiterlesen

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(Claudia Rusch) Kaukasusblog XV: Wohin man sich wagt. Für Zura

Mit meinem nationalitäts- und hintergrundtechnisch generalüberholten Lascha im Gepäck, der mich und ein paar Pfund sagenhaft gutes Swanuri Marili (nach welchem schon jetzt der gesamte Kofferinhalt riecht) Samstagmorgen um 04.35 Uhr im Flugzeug in Richtung Berlin begleiten wird, verabschiede ich mich.

Ich habe hier im Kaukasus viel mehr gefunden als ich gehofft hatte.
Ich habe in allen drei Ländern dutzendweise bemerkenswerte Menschen getroffen, neue Freunde gewonnen und so viel herzliche Einladungen bekommen, dass ich über Jahre hinweg ausgebucht bin. Ich habe viel gelernt, war oft verblüfft und manchmal zu Tränen gerührt. Ich konnte überraschend kreativ sein (damit meine ich nicht den Blog), wurde immer wieder aufs Erstaunlichste inspiriert und war die ganze Zeit voller Glück. Weiterlesen